benommen

Meiner gestrigen Schlaflosigkeit ist es zu danken, dass ich eine Fernsehsendung sehen konnte, die mich tatsächlich nachhaltig beeindruckt hat. Es handelt sich um die unkommentierte Wiederholung der originalen RTL-Berichterstattung zum Anschlag auf das World Trade Center vom 11. September 2011.
Zum einen hat mich dieser Bericht darüber nachsinnen lassen, in welcher Lebenssituation mich die Nachrichten dieser Ereignisse seinerzeit vorgefunden hatten. Ich weiß noch genau, dass ich ein Praktikum bei einem Verlag in Mannheim absolvierte. Ich arbeitete an diesem Nachmittag in einem winzigen Büro im Keller an einem Korrektorat. Gerade war ich die eiserne Wendeltreppe hinaufgegangen, um mir ein Käffchen zu machen und eine zu rauchen, als ich in Holgers ungläubiges Gesicht blickte, der mir sagte, dass gerade ein Flugzeug ins World Trade Center geflogen sei. Ich weiß noch, dass ich in diesem Moment an Michael Rust dachte, der in den Achzigern mit seinem Sportflugzeug auf dem Roten Platz in Moskau gelandet war – irgendwie dachte ich, dass es wohl ein kleines Sportflugzeig gewesen sein musste, von dem Holger da sprach.
Der Rest der Leute im Verlag saß schon vor dem Fernseher, und ich realisierte, dass es eben kein Kleinflugzeug war und dass noch ein zweites Flugzeug hineingekracht war, und dass das eben kein Unfall war. Ich weiß noch ich dachte, das sei eine Katastrophe von epischen Ausmaßen. Und den Rest des Nachmittags verbrachten wir dann vor dem Fernseher.
Als ich irgendwann dann zu meiner Unterkunft nach Heidelberg fahren wollte und aus dem Verlagshaus hinaustrat, hatte ich den Eindruck, es wären Krieg. Das war nämlich das erste und einzige Mal in meinem Leben, dass ich sah, wie MG-Nester aufgebaut wurden.  Das Verlagshaus liegt nämlich am Ende einer Straße, die mitten zwischen zwei amerikanischen Kasernen hindurchführt. Ich glaube, an dem Tag waren wir alle wie benommen.
Zum anderen war an dem TV-Beitrag interessant, was da so alles vermutet und prognostiziert wurde. Da war die Rede von mindestens zehntausend Opfern, von zu erwartenden Vergeltungsschlägen, vom Zusammenbruch der Börsen usw. Die Kopflosigkeit war auch in diesen Berichten augenscheinlich, was Wunder, angesichts der verfahrenen Informationslage.
Ich glaube, die Anschläge vom 11. September, sind eines jener Ereignisse in unserer Generation, die solch eine globale Wucht haben, dass jeder Mensch ein persönliches Erleben damit verbindet. Das ist mir letzte Nacht wieder einmal bewußt geworden.